V WIE VERFASSUNGSSCHUTZ – ein Theaterstück vom nö Theater, Köln,am Dienstag, 29.April 2014 im UT Connewitz. Präsentiert von radioglobalistic & dem UT Connewitz

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Regisseur Janosch Roloff macht mit „V wie Verfassungsschutz“ politisches Theater vom Feinsten. Das Nö-Theater übt scharfe Kritik an der Behörde und bringt Darsteller und Publikum zum Lachen – und sogar zum Weinen.
Wer weiß, ob es die zehn rechten Terror-Morde der NSU ohne den deutschen Verfassungsschutz überhaupt gegeben hätte. Das könnte man annehmen, wenn man liest, dass V-Leute den Mördern wohl selbst die Tatwaffen geliefert haben. Was in unserem Land geschieht, könnte man für den Stoff eines Agentenfilms halten. Kann man aus so einer komplizierten Institution wie dem Verfassungsschutz überhaupt Theatermachen? Definitiv. Und zwar, in dem man diese Ausgangsfrage ebenfalls zum Thema macht.
Verzweifelt windet sich Felix Höfner durch seine Versuche, diese absurde Behörde zu erklären, macht sich fast nackt („Ja, ich weiß, das haben Sie im Theater schon 1000 mal gesehen“), verweist auf die riesige Wand hinter ihm (Bühne: Mona Mucke), tapeziert mit Zeitungsartikeln, Reportagen und Meldungen über den Verfassungsschutz. Die Wall of Shame einer deutschen Behörde, die seit ihrer Gründung 1950 immer wieder durch eklatante Ermittungsfehler aufgefallen ist. Darüber steht das Motto der (fiktiven) Aussteigerorganisation „Janus“ für Rechtsextremisten und V-Männer: Jedes Ende ist ein Anfang. Davor schlüpfen Blaser, Höfner und Nechajute in immer neue Rollen. Alle drei sind schwarz gekleidet, die Variationen im Kostüm sind so minimal wie effektiv. Mit Pickelhaube und Kajal-Schnurrbart persifliert Talke Blaser den Ex-Präsident des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz Roewer, der 2000 nach internen Affären vom Dienst suspendiert wurde. In Bomberjacke wird Höfner zum rechtsextremen Kneipenwirt, Asta Nechajute im Blazer zum Verführer mit Geld, der seinem V-Mann Informationen entlockt. Die Beziehung der beiden gleicht einer abhängigen Liebesbeziehung. Höfner und Nechajute tanzen sexy lauernd miteinander: „Hast du was für mich?“. Es erinnert an das Verhältnis einer Prostituierten zum Freier: Infos gegen Geld, das dann weitere Aktionen finanziert – und den perversen Kreislauf von V-Mann, Staat und Verbrechen weiter befeuert.

Wir lernen viel über diese Behörde: Größenwahnsinnige Präsidenten, geschredderte Akten, vertuschte Beziehungen, Geld, das in Strömen in die Taschen von Neonazis fließt, alles im Namen der Demokratie. Die „fünf peinlichsten Fälle“ werden von den dreien sehr witzig und absolut theatertauglich nachgespielt: Schmücker-Mord, Peter Urbach, das Celler Loch, NPD Verbotsverfahren und die NSU-Morde. Da wird ein Stuhl mit Lederjacke und Che-T-Shirt als Links-Terrorist angespielt oder die Werbebroschüre des Akten-„Schredder-Modells“ zitiert, in Trenchcoats mit Knopf im Ohr inszenieren sie sich als Geheimagenten aus dem Kino-Klischee. Regie-Talent Janosch Roloff vom Nö-Theater, der schon durch seinen „Oury Jalloh“ in der Kölner Szene positiv aufgefallen war, vollbringt mit seiner neuesten Arbeit „V wieVerfassungsschutz“ etwas Außergewöhnliches. Nach monatelanger, intensiver Recherche entstanden 100 Minuten geballte – und fundierte – Kritik an einer scheinbar unfähigen Behörde. Roloff schafft es, ihre politischen Skandale in hoch intelligentes, humorvolles Theater zu verwandeln, ohne dabei den Ernst der Lage aus den Augen zu verlieren. Auch die souveräne Haltung der Darsteller, zum Teil noch in der Ausbildung, ist verblüffend. In diesem Stück steckt Herzblut, es ist zudem interaktiver Politikunterricht. Als etwa Nechajute Höfner mit den Büchern bewirft, die das Nö-Theater über die BfV bestellt hat, wird die Masse an Informationen deutlich, durch die sich das Ensemble gekämpft hat. Die Behörde selbst ist dagegen hermetisch abgeriegelt, Führungen waren für das nö-Theater nicht zu erhalten. Stattdessen rezitieren sie die Homepage des Verfassungsschutzes. Einzig Leo Lupix, das Maskottchen des BfV (Blaser, behelmt mit einem riesigen Vogelkopf), möchte „reden“, rätselt sich mit Höfner durch ein Quiz für Jugendliche. Erschreckend albern wird versucht, sich bei Jugendlichen ein modernes Gesicht zu geben.

Zugleich wird auch immer wieder die Absurdität von Theater selbst thematisiert. Der witzigste Kunstgriff ist, dass sie sich schließlich als „Unternehmenstheater“ des Verfassungsschutzes outen, um das „Betriebsklima“ der Behörde zu verbessern (welches nach den desaströsen Nachrichten des letzten Jahres nur am Boden sein kann). Zum Schluss wird klar, wie umfassend die Darsteller auch persönlich recherchiert haben. Sie erzählen, wie sie die Tatorte der NSU abgefahren sind, die Internet-Cafés und Döner-Imbisse, und als etwa Asta Nechajute davon spricht, dass einer der ermordeten Inhaber von einem V-Mann dem Verbluten überlassen wurde, muss sie selber weinen. Und das ist nach all den vom Ensemble ironisch verschachtelten, souverän dargestellten Haltungen nochmals eine beeindruckende Schauspielerleistung.

Der Eintritt beträgt 7,- Euro ermäßigt & 10,- Euro für VollzahlerInnen. Einlaß: 19.30h, Begin: 20.30h, pünktlich! Karten können über die Seite des UT Connewitz reserviert werden, bzw. im UT oder der Buchhandlung Fleischmann im selben Haus gekauft werden.

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